Die Brunnengeschichte

Der Brunnen, den man auf zeitgenössischen Darstellungen später vor der Schule sieht, stand auf den Wiesen der Untermühle, die damals vor der Stadt lagen. 1800 bebaute man allmählich dieses Gebiet.

In den Ellerwiesen lag die Quelle des Brunnens. Das Quellwasser wurde durch hölzerne Röhren zum Brunnen inmitten der Wiesen geleitet, nachdem es sich in zwei Fassungen sammelte. Bis 1773 kann man den Standort des Brunnens zurückverfolgen. Weil die Röhren zuwuchsen, weil das Wasser knapp wurde oder weil die Wiesenbesitzer, über deren Territorium die Röhren führten, Einspruch erhoben gab es oftmals mit diesem Brunnen Ärger. Da sich die Stadt damals schon deutlich nach Süden ausbreitete, wurde im Jahre 1794 die Wasserversorgungsanlage gründlich erneuert. In der Chronik aus diesem Jahr ist notiert:

„Da nun gedachter Brunnen im Glasbach gefaßt und in Röhren durch die Eller in des Herrn Heubachs Wiese geleitet wurde, so hat solches demselben  wegen seiner Wiese verdrießlich gefallen und er hat die Brunnenröhren durch sechs Männer am anderen Tag herausreißen lassen. Da nun deswegen 12 Tage darauf ein Geheimer Rat von Meiningen zur Besichtigung gekommen und diese wüste Arbeit mit vielem Verdruß angesehen, so haben sich Heubachs Söhne erboten, an die Gemeinde zur Wiederherstellung der Röhrenleitung 100 Gulden zu bezahlen.“

Nach 14-tägiger Arbeit funktionierte der Brunnen wieder. Es heißt weiter, dass der Brunnen zum Wohle der unteren Stadt wieder hergestellt wurde und der untere Müller Christoph Siedel hat es erlaubt, dem Brunnen Kästen in seinem Garten vor der Stadt aufzusetzen. Mit dem Bau der Bürgerschule 1885/86 stand der Brunnen unmittelbar vor der Schule. Zeitgenössische Darstellungen zeigen den Brunnen allerdings an verschiedenen Standorten, nämlich einmal direkt in der Mitte des Mitteltraktes der Schule und einmal mehr vor dem linken Hauptportal, was bestimmt auf künstlerische Freiheiten zurückzuführen ist.

Bestrebungen, den Brunnen zu beseitigen, gab es ab 1908. Er sollte an das städtische Wassernetz angeschlossen und mit dem Stadtbrunnen in der Untern Marktstraße verbunden werden.

Starke Proteste gab es unter der Sonneberger Bevölkerung, als der Rat die Umwandlung des Brunnens in eine Anschlagsäule bekannt gab. 1910 gab es noch einmal Hoffnung für den Erhalt des Brunnens. Es wurde mitgeteilt, dass der Brunnen nach Entwürfen der Firma Salzmann (wie schon 1908 gefordert) modernisiert werden sollte. Da die Stadt finanziell damit überfordert gewesen wäre, kam es dazu leider nicht zum Stadtratsbeschluss.

Bevor der Brunnen ganz vom Unteren Markt verschwand, diente er noch als Blumenständer. Schade, dass ein wesentliches Gestaltungsmerkmal verloren ging.

 

Aus dem Schularchiv entnommen und bearbeitet durch Schulleiter Wilfried Luther. Freies Wort 1992 von W. Lorenz.

 

Aus der Geschichte der Bürgerschule bis zur Einweihung des neuen Schulgebäudes 1886

Die im Schularchiv vorliegenden Unterlagen reichen teilweise nur bis in das Jahr 1851 zurück. Der interessierte Leser, der sich, weiter als im folgenden Artikel schon aufgeführt, über die Zeit  davor über das Schulwesen in unserem Landkreis belesen will, sei auf das Stadtarchiv, die Museumsbibliothek und Zeitungsveröffentlichungen verwiesen.

Der Bau eines immer wieder neuen Gebäudes der Bürgerschule war notwendig geworden, weil die schulpflichtigen Kinder in den vorhandenen Einrichtungen nicht mehr unterzubringen waren. Von 1786 gibt es eine Eintragung in der Sonneberger Chronik von Johann Michael Steiner. Er schreibt:

„Da die vielen Kinder (Sonneberg hatte damals fast 2000 Einwohner) in unseren Schulen nur sehr wenig Platz haben, auch die Lehrer solche fast nicht übersehen können. So ist schon etliche Jahre daran gearbeitet worden, dass noch ein dritter Schullehrer für die kleinen Kinder und ein neues Schulhaus angeordnet werden sollen.“

Die damaligen Schulhäuser vor 200 und mehr Jahren, muss man sich um den Alten Markt herum vorstellen. Dabei waren es aber keine Gebäude, sondern nur einzelne Schulsäle in der alten Waage und im Kantorat. Es dauerte dann noch bis in das Jahr 1836, in dem das erste Sonneberger Schulhaus eingeweiht wurde. Dieser sehenswerte Fachwerkbau in der Nähe der Mühlstraße oberhalb des Alten Marktes steht noch heute und wird als Wohnhaus genutzt. Schon für diesen Bau ist die Bezeichnung „Bürgerschule“ zu vermuten. Übrigens ist der Begriff „Bürgerschule“ eine damals durchaus oft vorkommende Bezeichnung, ist also keine Sonneberger Erfindung. In der Schulchronik von Dr. Heine, einem der Rektoren der Sonneberger Bürgerschule aus dem Jahre 1866 (gemeint ist aber hier die Schule am Markt) ist von der Bürgerschule in Meiningen zu reden. Dort steht zu lesen:

„Am 6. Januar 1866 schloß der Rector Wehner seine hiesige segensreiche Wirksamkeit, um die Leitung der Bürgerschule in Meiningen zu übernehmen.“

Im Verzeichnis der Lehrer ist zu lesen, dass Herr Wehner von 1851 bis 1866 Rektor der Bürgerschule war. Was bestätigt, dass die Schule am Markt auch die Bezeichnung „Bürgerschule“ getragen haben muss. Des weiteren ist über den Begriff  „Bürgerschule“ zu erfahren, dass Rektor Heine vorher Rektor der –höheren Bürgerschule- in Mettmann in Rheinpreußen war.  In der gleichen Chronik von Dr. Heine steht:

„1851. 20. November. Einweihung des neune Schulgebäudes am Marktplatze. Die Schule umfasste zu dieser Zeit 10 Klassen. Das Lehrer-Collegium bestand aus dem Rector (E. Wehner) und 9 Lehrern"

Damit existieren zwei Schulgebäude, das in der Mühlstraße und das am Alten Markt. Bereits bei der Einweihung drängten sich 859 Schulkinder, 459 Knaben und 400

Mädchen, in dem neuen Gebäude. Von Jahr zu Jahr stiegen die Schülerzahlen und 1875 besuchten die Bürgerschule damals schon 1170 Schulkinder.

Da die Klassen sehr überfüllt waren, beriet der Stadtrat über den Bau einer neuen Schule.

„1875. Da die Mittelklassen sehr überfüllt waren, hatte der Gemeinderat anfänglich den Bau einer neuen Schule und als Platz für dieselbe die dem Müller Hartung gehörige, der Erholung gegenüber liegende Wiese in Aussicht genommen. Weil jedoch die Ausführung dieses Planes auf verschiedene Hindernisse und Schwierigkeiten stieß, so entschloß sich die städtische Behörde, auf das am Markte gelegene Schulhaus ein drittes Stockwerk zu setzen. Am 19. August 1875 wurde mit dem Einreißen des Daches begonnen und der Aufbau bis Anfang Nov. ej. a. vollendet. Hierdurch wurden fünf Schulsäle und ein Zimmer gewonnen, welches dem Rektor als Teil seiner Dienstwohnung überwiesen wurde.“

Da die Schülerzahlen weiter stiegen, ergab sich für die Stadt die unumgängliche Notwendigkeit, den Bau eines neuen Schulgebäudes einzuleiten. Da die Stadt sich mehr und mehr nach dem Süden ausdehnte, beschloss man, das Schulgebäude nunmehr in der unteren Stadt zu errichten. 1882 begannen die ersten Beratungen des Stadtrates. Dabei standen ursprünglich noch drei Bauplätze für das neue Schulgebäude in der Diskussion. Vorgeschlagen wurden die Wiese gegenüber der Kirche, das ehemalige Lindnersche Grundstück auf der Eller und die Mühlwiese gegenüber der Erholung am Schanzhügel. Man entschied sich schließlich für die Mühlwiese am Schanzhügel und begann mit der Grundsteinlegung am 18. März 1885. Innerhalb von nur eineinhalb Jahren entstand nach Plänen der Baumeister Schmidt und Schubert das Gebäude.

Wie Zeichnungen, Pläne und Entwürfe aus dieser Zeit dokumentieren, war zunächst das Gebäude wesentlich kleiner geplant. Die beiden links und rechts nach vorn und hinten herausgebauten Gebäudeteile wurden also während der Entwürfe dazugetan und dann in die Bauausführung mit einbezogen. Wie schon erwähnt, waren Landbaumeister Schubert und Maurermeister und Architekt Schmidt die Planer und Erbauer der Schule. Professor Albert Schmidt war ein Münchner Architekt, der gebürtiger Sonneberger war, in Sonneberg ein Baugeschäft unterhielt und weitere Bauten in Sonneberg errichtete.

Am 15. September 1886 begann der Schulbetrieb. Die neue Bürgerschule begann zu leben. Mit dem Einweihungstag besuchten 1745 Schülerinnen und Schüler diese neue Schule. Ganz Sonneberg war stolz auf sein neues Schulhaus. Eine Veröffentlichung dieser Tage verdeutlicht dies. Es ist zu lesen:

„Die ganze Stadt feiert die Fertigstellung des vollendet gelungenen Schulgebäudes. Ein würdiger Bau erhebt sich, die Schule als herrliche Zierde in Mitten unserer Stadt.“

Die Schule am Markt, die Marktschule, wurde aber weiterhin als Schulgebäude genutzt und war Schulgebäude der neuen Bürgerschule. Während der Kaiserzeit wurde zwischenzeitlich der Unter Markt in Kaiser-Wilhelm-Platz und dann auch die neue Bürgerschule in Kaiser-Wilhelm-Schule umbenannt. Das war noch 1919 so, wie aus Niederschriften und Beschlüssen aus den Amtskonferenzen der Kaiser-Wilhelm- und Marktschule hervorging, die Direktor Holzhausen führte.  

Nach der Kaiserzeit, Anfang der 20er Jahre, wurde aber alles wieder in seine ursprüngliche Bezeichnung umbenannt. Der Untere Markt hieß wieder Unterer Markt, die Bürgerschule wieder Bürgerschule.

Feierlich beging man 1926 den 40. Geburtstag der Bürgerschule und 1931 den 45. Geburtstag der Bürgerschule. In der damaligen Presse findet sich dazu folgender Artikel:

„Gestern feierte die gute Mutter „Bürgerschule“ die 45. Wiederkehr der Einweihung. Auf einem ehemaligen Wiesengelände am rauschenden Bache erhebt sie sich. Eine Mühle an der Stelle musste dem Erziehungswerk weichen. Ein Unstern wollte in letzter Zeit über sie aufgehen. Ihre Pforten sollten geschlossen werden. Für Wohnzwecke war sie in Aussicht genommen. Hoffentlich ist dieses Gespenst endgültig beseitigt. Aus Freude darüber und aus Dankbarkeit gegen alles Gute, was sie in den 45 Jahren an Sonnebergs Jugend der oberen Stadt getan hat, sang ein froher Kinderchor im Garten des Schulhauses dankbare Lieder, während oben in der Luft ein Flugzeug seine Schleifen zog. Ein Ereignis, das nicht alle Tage vorkommt. Die einmütige Entrüstung auch der ältesten Leute darüber, dass die Bürgerschule geschlossen werden sollte, ist ein Beweis für die Wertschätzung der Schule, in allen Kreisen unserer Bewohner. Diese Dankbarkeit verpflichtet.“

Mitte der 30er Jahre trug die Schule wieder den Namen Kaiser-Wilhelm-Schule und seit dem Jahr 1939 bildeten die Kaiser-Wilhelm- und die Herzog-Georg-Schule einen Schulkörper. So steht es in einer Aktennotiz vom 28.03.1940. Diese Tatsache hing damit zusammen, dass immer mehr Lehrer als Soldaten in den 2. Weltkrieg eingezogen wurden. In insgesamt 27 Schulklassen des Schuljahres 1939/40 wurden durch 30 Lehrkräfte Schüler unterrichtet. In der Chronik schreibt Rektor Reppold folgendes über das Schulhaus:   

„ Seit dem Sommer 1939 sind durch die Stadtverwaltung mancherlei Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten durchgeführt worden. Die meisten Klassenzimmer sind neu gestrichen worden, in manchen Zimmern wurde Parkettfußboden gelegt. Das Dach des Hauptgebäudes wurde im Sommer 1940/41 neu eingedeckt. Während der Herbstferien 1940 wurden nun auch der 2. und der 3. Flur neu hergestellt. Da nach Beendigung der Herbstferien die Maurer- und Malerarbeiten noch nicht beendigt waren, wurde der gesamte Unterricht in die Räume des 1. Flures verlegt, entweder von 8.00 bis 12.00 Uhr oder von 13.00 bis 17.00 Uhr. Die Klassen und das Schulhaus machen nun endlich einen sauberen Eindruck. Kurz vor und während der Weihnachtsferien wurde der Zeichensaal neu hergerichtet, das Fenster an der Rückseite und der Lichtschacht an der Eingangstür wurden zugemauert. Die Lichtleitung wurde unter Putz gelegt. Am 3.2.1941 wurde der Zeichensaal wieder eingeräumt.“

 

Aus dem Schularchiv entnommen und bearbeitet durch Schulleiter Wilfried Luther.

 

Aus der Geschichte der Bürgerschule von 1942 bis 1948

Nachtrag für die Schuljahre 1942/43, 1943/44, 1944/45

Es ist nicht einfach, aus den leeren Schubfächern eines ausgedörrten Gehirnkastens etwas herauszukramen, was zu einem gewünschten Ragout unumgänglich notwendig ist. Dieses Notwendige ist das Gedächtnis, die Erinnerung; notwendig, weil die sonst gebräuchlichen Mittel (schriftliche Unterlagen, Akten usw.) einfach nicht vorhanden sind. Wo sind die? Vernichtet, einfach vernichtet. Die ausländischen Arbeiter, die bei Kriegsende in unserer Bürgerschule ein letztes Domizil suchten und fanden, statteten ihren Dank dadurch ab, dass sie alles, was ihnen vor die Sinne oder Hände kam, verbrannten oder sonst wie vernichteten. Damit aber fielen auch die Unterlagen, die hier dringend gebraucht würden, der Vernichtung anheim.

Schuljahr 1942/43

Der Schulbetrieb läuft wie gewohnt; er wird nur häufiger unterbrochen durch Fliegeralarme.

Schuljahr 1944/45 (das letzte Kriegsschuljahr)

Der totale Krieg rückt näher, das Gespenst der totalen Niederlage rückt auch näher; die Auswirkungen auf das Schulleben sind verheerend. Die allmähliche Aushungerung wird spürbar, die Kinder werden müde und lernunlustig; die Ordnung lockert sich. Der Unterricht besteht fast nur noch aus Unterbrechungen infolge der nicht mehr abreißenden Alarme; die Kinder befinden sich mehr auf dem Schulweg als in der Schule. Die Leistungen gehen dementsprechend rasch zurück.

Am vorzeitigen Ende des Schuljahres wird der 280. Fliegeralarm verzeichnet. Es bleibt aber nicht mehr beim Alarm, am 14. Februar 1945 erfolgt der erste Bombenangriff auf den Bahnhof von Sonneberg, der die Nervosität und Unruhe steigert. Das Interesse der Schuljugend für schulische Dinge erlahmt sichtlich.

Das Interregnum 

Während die Kriegsmaschine sich mit Riesenschritten nähert, ihren stickigen giftigen Brodem in Gestalt von ungezählten Fliegern wie Höllenhunde vor sich herhetzend – liegt das Schulhaus der Bürgerschule still und stumm. Die munteren Kinderstimmen fehlen und sind ebenfalls verstummt.

Das bild wechselt mit einem Schlag, als die amerikanischen Truppen unsere Gegend besetzen und überrollen. Der tatsächliche praktisch ausgeübte Krieg ist für uns damit beendet. Für unser Schulhaus aber bricht die Zeit härtester Prüfungen an: Die Bürgerschule wird Lagerstätte für Hunderte von Ostarbeitern.

Alles wird mit sinnloser Wut vernichtet, was brennbar ist verbrannt. Tische, Stühle, Schränke, Bänke, Tafeln, Podien usw. usw. wandern in die gierigen Flammenschlünde. Aber auch alle habhaften Akten (amtliche Schriftstücke, Klassenbücher, Zensurenlisten, Bücher und Hefte der Schüler und Lehrer – oft wertvolles, nie ersetzbares Material) werden verbrannt. Fensterscheiben klirren, Lampenkugeln zerschellen, sogar Fußböden werden aufgerissen.

Als die Gäste abziehen, hinterlassen sie eine öde Wüste, buchstäblich eine Trümmerstätte. Denn auch vor den wertvollen Gegenständen des Physiksaales machte die Zerstörungswut nicht halt. Die Bürgerschule bot damit einen geradezu trostlosen Anblick.

Langsam drehen sich draußen wieder die Räder, ganz sachte setzt sich das Räderwerk eines großen Volkes wieder in Gang.

Zum Leben eines Volkes gehört auch die Schule, die Erziehungsgelegenheit der Jugend. Also soll auch die Schule wieder laufen, da gilt es denn zuerst; aufzuräumen und nur aufzuräumen. Nachdem der üble Schutt beseitigt ist, kann Aufbauarbeit geleistet werden; es gilt wieder gutzumachen und immer und überall auszubessern. Die Werkleute des Stadtbauamtes und die Sonneberger Handwerker haben ein Riesenmaß an Arbeit zu leisten. Aber es klappt und wächst, denn der Beauftragte der Schule, Oberlehrer Paul Liebermann, ist immer und überall hinterher, bittend, beratend, anfeuernd. So kann es geschehen, dass das Schulhaus bis zum 30. September fertiggestellt ist. Gewiss, es sind noch etliche Schönheitspflästerchen notwendig; uralte Bänke und altersgraue Tafeln auf wackliger Staffelei grüßen wie aus dunkler Vorzeit, einzelne Fenster sind noch mit Brett, Pappe oder Blech zugeschlagen, manche Räume bestehen überhaupt nur aus ihren vier öden Wänden – immerhin, das Haus steht bereit, sauber und adrett, die Wissensdurstigen aufzunehmen und sie am vielfaltschillernden Quell der Wissenschaft zu tränken.

In die Zeit des Interregnums fällt etwas gänzlich Neuartiges; die Aufnahmeprüfung für sogenannte Laienlehrerkräfte, Schulhelfer, Neulehrer. Das sind junge Leute aus dem Volk, die anstelle von nazistisch belasteten zu entlassenden Altlehrern die Arbeit in der Schule und an der Schule (denn die gesamte Schule soll reformiert werden!) ausführen sollen.

Die neue Schule

Eine Reform an Haupt und Gliedern soll die ganze Schule umformen. Es soll endlich der Grundsatz „Dem Tüchtigen freie Bahn!“ durchgeführt werden.

Ein solches großes Umbildungswerk kann nicht kurzer Hand zwischen zwei Zeitperioden aus dem Ärmel geschüttelt werden; das braucht Zeit und Kraft.

Es soll aber gleich damit angefangen werden, den nazistischen Ungeist aus den letzten Ecken und Winkeln hinauszufegen und die jungen Gemüter im Sinne der Aufrufe der Landesregierung zu erziehen.

Für die meisten Altlehrer, die der NSDAP angehört haben, bedeutet das den Schlussstrich unter ihrer Lehrerlaufbahn.

Schuljahr 1945/46

Am 1. Oktober 1945 öffnen sich endlich wieder die Tore der Bürgerschule weit und ungezählte mehr neugierige als zunächst lernbegierige Kinder strömen ins Schulhaus. Es riecht da wohl noch nach Tüncher und Maler und Glaser; es sieht infolge der früher geschilderten Vernichtungswelle noch etwas leer und kahl aus.

652 Knaben und 609 Mädchen werden auf über 30 Klassen verteilt; dafür aber sind nur 17 Lehrer vorhanden, so dass manche Lehrkraft zwei oder drei Klassen führen muss.

Laut Anordnung der SMA sind sämtliche Lehr- und Lernbücher aus der Nazizeit zu entfernen.

Nun kommt der erste Nachkriegswinter 1945/46 heran, ein Schreckgespenst. Es fehlt an Brennstoff, so dass nach und nach alle übrigen Schulen in Sonneberg geschlossen werden müssen. Alle Sonneberger Schulpflichtigen (auch Oberschüler!) gehen nun in die Bürgerschule: 5000 an der Zahl! Vom nachtgrauen Morgen bis zum dämmerdüsteren Abend ist das arme Schulhaus von „Bildungshungrigen“ bestürmt und belagert. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, die Unruhe steigert sich. Die Schule kann infolge der Überlastung nicht genügend gereinigt werden. Man versteht bei dem Lärm kaum sein eigenes Wort. Es ist eine Lust zu lernen und zu lehren.

Da bleibt auch der Koks aus, und die Räume werden kalt wie Eiskeller.

In den Lehrplan für Sprachenklassen wird neben der englischen auch die russische Sprache aufgenommen.

Schuljahr 1947/48 

Erholt und mit neuen Kräften beginnt das Kollegium  zusammen mit 1353 Kindern (697 Knaben und 656 Mädchen)das neue Schuljahr. Der Winter ist zwar nicht kalt, bringt aber noch Einschränkungen, unter denen auch der Schulbesuch leidet. Im März kann z. B. nur an 9 Tagen voller Unterricht erteilt werden. Während der Wintermonate muss die 9. Unterrichtsstunde ausfallen, da Kinder und Lehrer ohne Beleuchtung nichts sehen. Bürger- und Lohauschule unterrichten bis April in unserm Gebäude.

Die Ernährungslage wird immer schwieriger, viele Kinder fehlen, weil ihnen ihre Mütter nichts zu essen geben können.

Im Mai setzt dann die Kinderspeisung ein, bei der alle Schulkinder beteiligt sind.

Am 2. Februar fand eine ärztliche Untersuchung in allen 1. Schuljahren statt, um den allgemeinen Körperzustand festzustellen. Kranke Kinder wurden zum Arzt geschickt und dort behandelt.

Ab Juni dürfen die 1. Schuljahre erst um 9.00 Uhr mit dem Unterricht beginnen. Zwischen dem Vor- und Nachmittagsunterricht muss eine zweistündige Pause liegen. Am Nachmittag fallen sämtliche Pausen weg.

Am 2. August beginnen nach der zweiten Stunde die großen Ferien.

 

Aus dem Schularchiv entnommen und bearbeitet durch Schulleiter Wilfried Luther.

 

Die Regelschule Bürgerschule von 1991 bis jetzt

Im Schuljahr 1990/91 trug die Schule (noch) den Namen „August – Bebel – Oberschule“. Bei der Renovierung der Außenfassade 1991 wurde versucht, das Schild mit dieser Aufschrift abzunehmen. Das zerbrach allerdings wegen „Altersschwäche“ und fiel vom Gerüst, so dass es gänzlich zerstört war. Zum Vorschein kam die lang verdeckte Inschrift „Bürger-Schule“.

Da die Schule vom Thüringer Kultusministerium formal unter der Bezeichnung

 –Staatliche Regelschule Unterer Markt 4- geführt wurde, sollte wieder ein einprägsamer Name gefunden werden. Es lag der Gedanke nahe, die in Sandstein gehauene Inschrift „Bürger-Schule“ und die Schulform –Regelschule- zu vereinen So entstand Staatliche Regelschule Bürgerschule.

Enorme Veränderungen im Thüringer Bildungswesen waren ab dem Schuljahr 1991/92 zu realisieren. Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 4 des Einzugsbereiches besuchen die Grundschule Juttastraße (heute Grundschule am Stadtpark), Schülerinnen und Schüler ab der Klassenstufe 5 die Bürgerschule oder das Gymnasium.

Im Schuljahr 2006/07 besuchen 248 Schülerinnen und Schüler in 13 Klassen die Schule. Es sind 114 Mädchen und 134 Jungen. Sie werden von 32 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, von denen die Mehrheit Teilzeit arbeitet.

In den Klassenstufen 5 und 6 werden alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet. In diesen beiden Klassenstufen besuchen sie die Ganztagsschule.

Ab Klassenstufe 7 gibt es verschiedene Organisationsformen des Unterrichts. Die Bürgerschule hat sich seit Jahren für längeres gemeinsames Lernen entschieden.

In den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Physik gibt es aber Kurse, die die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler beachten und in denen sie entsprechend gefördert werden. In der 9. Klasse gibt es Kurse, die zum Hauptschulabschluss führen. Die Schülerinnen und Schüler, die die Realschulkurse besuchen, wechseln in die 10. Klasse und erreichen den Realschulabschluss.

Neben einer soliden Allgemeinbildung in den Pflichtfächern erhalten alle Regelschüler ab Klasse 7 Unterricht in einem von ihnen gewählten Wahlpflichtfach. Derzeit bietet die Schule die Wahlpflichtfächer Darstellen und Gestalten, Soziales, Natur und Technik sowie Französisch an.

In der Klassenstufe 7 gibt es im Schuljahr 2006/07 erstmals die sogenannte Praxisklasse 7P, in der Schülerinnen und Schüler vorwiegend praxisnah unterrichtet werden. Die Praxisklasse besuchen vor allem Schülerinnen und Schüler, die Lernprobleme haben. Sie erhalten intensive Lernförderung. Gleiches gilt für das freiwillige 10. Schuljahr F10.

Neben dem Unterricht in den Pflichtfächern und in den Wahlpflichtfächern gibt es verschiedene Berufspraktika, wobei die Schule mit der regionalen Wirtschaft eng zusammenarbeitet.

Die meisten Regelschüler treten nach Haupt- oder Realschulabschluss in die Berufsausbildung ein und besuchen dabei eine berufsbildende Schule.

Entsprechend geeigneten Regelschülern steht mit Realschulabschluss nach Klassenstufe 10 der Übertritt an ein Gymnasium offen, wo sie nach drei weiteren Schuljahren das Abitur erwerben können. Dabei haben sie die Wahl zwischen einem allgemeinen und einem beruflichen Gymnasium. Letzteres bietet als eine spezielle Form der berufsbildenden Schule neben der allgemeinen gymnasialen eine spezielle berufliche Bildung, die für einschlägige Studienrichtungen sehr nützlich sein kann.

 

Wilfried Luther, Schulleiter